Interview

Ein Deutscher in St. Petersburg

Der aus Dresden stammende Dirigent ist spätestens mit seinem kurzfristigen, sensationell erfolgreichen Einspringen für Valery Gergiev mit dem Ring des Nibelungen (Wagner) und Parsifal am Mariinsky Theater St.Petersburg im Januar/März 2003 in die vorderste Reihe der jungen Dirigentengeneration gerückt. Michael Güttler studierte zunächst Violine und Trompete, dann Klavier, Chor- und Orchesterdirigieren an der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ Dresden und nahm an zahlreichen Meisterklassen im Fach Dirigieren teil.

Das Gespräch führt Marie – Luise v. Baumbach

Herr Güttler, Sie sind einer der wenigen ausländischen Dirigenten am Mariinsky Theater in St. Petersburg. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Valery Gergiev?

Von 1998 bis 2002 war ich Chefdirigent in Klagenfurt und habe dort 2001 eine Neuproduktion von Verdis Don Carlo geleitet. Wir waren in unserer Auswahl der Sänger und Korrepetitoren in Klagenfurt recht frei. Ich habe eine Pianistin aus St. Petersburg eingeladen, die von dem gemeinsam Erarbeiteten so begeistert war, dass sie mich daraufhin Valery Gergiev empfohlen hat. Ich habe Gergiev in Wien getroffen, kurz gesprochen, und er hat mich nach St. Petersburg eingeladen um dort einige Konzerte zu machen, damit er neben dem persönlichen auch einen künstlerischen Eindruck von mir bekommen konnte. Er suchte dringend jemanden für die Einstudierung des Ring des Nibelungen im Dezember 2002.

Den Ring haben Sie ja dann auch für Valery Gergiev dirigiert, Sie sind kurzfristig eingesprungen. Welche Erfahrungen haben Sie daraufhin gemacht?

Gergiev hatte mir die Einstudierung von Siegfried und Götterdämmerung anvertraut, diese beiden Werke wurden neu produziert, Rheingold und Walküre waren bereits im Repertoire. Als er dann krank wurde, bekam ich fünf Stunden vor der Vorstellung einen Anruf, und man sagte mir, wenn ich nicht einspringe, müssten sie die Vorstellung absagen. Dieses Einspringen war ein so großer Erfolg, der natürlich auch der hervorragenden Qualität des Orchesters zu verdanken ist, dass am nächsten Abend die ganze russische Presse und sogar Journalisten aus Helsinki zur Götterdämmerung kamen. Gergiev bot mir daraufhin auch Parsifal an, und ich bin seitdem „Permanent Guest Conductor“ am Mariinsky. Ich habe dort u.a. auch Tristan, Lohengrin, Ariadne auf Naxos, das große italienische Repertoire (Aida, Don Carlo, Falstaff etc.) und Mozart dirigiert und bereite einige der weltweiten Tourneeproduktionen vor, vor allem den Ring.

Wie empfinden Sie die Arbeit dort?

Als eine fantastische Möglichkeit. Am Mariinsky muss man flexibel sein, und das Theater selbst muss kurzfristig reagieren können. Ohne Gergiev wäre die Oper nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zerfallen, er hat sehr schnell für die internationalen Kontakte und das Geld gesorgt. Ich spreche gut russisch, das ist sehr wichtig, da vieles schnell gehen muss und man nicht viel Zeit für Proben hat. Mit Englisch kommen Sie nicht sehr weit, durch die russische Sprache versteht man auch die Mentalität viel besser und gehört dazu.

Wie würden Sie die musikalische Situation in Russland beschreiben? Sie sind ja auch seit September 2006 Generalmusikdirektor in Ekaterinburg.

Ekaterinburg (das ehemalige Sverdlovsk), die Hauptstadt des Ural ist mit über 2 Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt Russlands und das industrielle Zentrum, besonders der Schwerindustrie. Das (wunderschön restaurierte) Theater steht landesweit nach „Bolshoi“ und „Mariinsky“ an dritter Stelle. Die Stadt ist, wie gesagt, wirtschaftlich eminent wichtig, möchte nun auch kulturell zu den Metropolen Moskau und St.Petersburg aufschließen und stellt dafür finanziell Beachtliches auf die Beine. In Ekaterinburg werde ich viel russisches Repertoire machen, ich habe soeben die Spielzeit mit Eugen Onegin eröffnet, und in Zukunft kommen Pique Dame, Chowantschchina und Boris Godunov. Wir planen, von diesen Neuinszenierungen DVD´s zu produzieren. Außerdem leite ich in dieser Spielzeit eine Neuproduktion Tosca und wir stellen eine neue Konzertreihe auf die Beine. Das musikalische Niveau ist sehr hoch, die russischen Konservatorien garantieren, vor allem bei den Streichern, nach wie vor einen exzellenten Standard. Nachholbedarf besteht eher in Stilfragen, im technischen ganz und gar nicht.

Sie arbeiten viel mit Anna Netrebko zusammen…

Ja, wir haben vor über zwei Jahren eigentlich eher zufällig einen „Don Giovanni“ am „Mariinsky“ zusammen gemacht. Es hat ihr wohl sehr gefallen und wir haben daraufhin viele gemeinsame Konzerte und Opernaufführungen (Traviata, Don Giovanni, Lucia di Lammermoor) am „Mariinsky“, aber auch in Moskau, in Deutschland und der Schweiz absolviert, wobei auch die Zusammenarbeit mit den dabei involvierten Tenören (Rolando Villazon, Josè Cura, Joseph Calleja, Roberto Saccà) sehr inspirierend war. Unter den spruchreifen Projekten ist ein Galakonzert am 11. November in St. Petersburg. Die Arbeit mit ihr ist sehr angenehm und völlig unkompliziert.

Nehmen Sie sich bestimmte Dirigenten zum Vorbild?

Im Sinne von Kopie oder Idol gar nicht, nein. Aber es ist sehr wichtig zu hören, was und wie die anderen es machen, zu lernen, was es für Möglichkeiten gibt und was überhaupt nicht geht. Es gehört essentiell zum Beruf dazu, während der Ausbildung und eigentlich auch danach in jede erreichbare Probe zu gehen und nicht nur an der Hochschule zu sitzen, man muss alles anhören und Erfahrungen sammeln. Valery Gergiev spielt natürlich in meiner Karriere eine große Rolle, aber ich suche mir trotzdem meinen eigenen Weg.

Sie haben u.a. an Meisterklassen bei Bernstein, Celibidache oder Gergiev teilgenommen. Was nimmt man davon mit?

Zur ersten Phase gehört das Nachahmen und Ausprobieren, dann muss man sich befreien und ein eigenes künstlerisches Profil suchen. Man soll aufnehmen, aber nicht wiederspiegeln, man darf keine Kopie sein. Das Beeindruckende an Leonard Bernstein war seine ungeheure Musikalität, die musikalische Beherrschung der Partitur, bei der die technischen Abläufe nebensächlich wurden.

War Ihre künstlerische Entwicklung „deutsch“ geprägt?

Bis zum Ende des Studiums natürlich sehr stark. Ich bin mit der sächsischen Musiktradition, der evangelischen Kirchenmusik, dem Orchesterklang von Sächsischer Staatskapelle und Dresdner Philharmonie aufgewachsen. Dieser Klang (speziell der Staatskapelle) ist mir sehr nahe und berührt mich tief. Ich merke das besonders, wenn ich dieses wunderbare Orchester dirigieren darf (November 2002, September 2005). Trotzdem habe ich nach dem Studium sehr wenig in Deutschland gearbeitet, die attraktiveren Angebote und Engagements kamen einfach aus dem Ausland. Das ist eigentlich bis heute so.

Welchen Verlauf nahm Ihre Karriere nach dem Studium?

Ich habe sehr schnell an Wettbewerben in Italien teilgenommen und dort auch meine Karriere begonnen. Ich spreche italienisch fast so gut wie deutsch und fühle mich im italienischen Repertoire auch sehr zu Hause. In meiner Lehrzeit am Teatro San Carlo in Neapel habe ich über 60 Vorstellungen dirigiert und auch Konzerttourneen gemacht. Ich komme auch immer wieder gerne dorthin zurück und mache nächstes Jahr Torvaldo e Dorliska von Rossini. Daneben dirigiere ich aber auch durchaus deutsches Repertoire, Wagner in Catania, Beethoven in Bozen, Richard Strauss in Florenz etc..

Wo sehen Sie in Ihrem Beruf die Schwierigkeiten?

Insgesamt habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich bin seit langem Gastdirigent an vielen verschiedenen Häusern und immer gern bereit, mich auf Neues einzulassen. Für mich gibt es kein Schema X. Das Niveau der Orchester mit denen ich mittlerweile arbeiten darf, ist für mich jedes Mal eine Bereicherung. Gelegentlich leidet man natürlich unter großem Zeitdruck, für Proben ist die Zeit oft recht knapp. Ich versuche aber immer, musikalische Proben weit vor Produktionsbeginn zu machen, so dass die Sänger, wenn es ans Szenische geht, musikalisch schon ganz sicher sind.

Unterscheiden sich die italienischen, deutschen und russischen Orchester in ihrer Mentalität?

Die Art des Musizierens ist anders. Rossini ist grundsätzlich in Russland schwieriger, als in Italien, das ist klar. Bei fantastischen Musikern ist das Ergebnis aber trotzdem toll. Der russische Streicherklang ist schwer und voll, der Bogen kräftig. Ein Spitzenorchester ist aber heutzutage in der Lage, sich jeden Stil zu erarbeiten und sein eigenes Kernrepertoire trotzdem zu behalten, so wie z.B. Wagner und Strauss in Dresden.

Hat Sie Ihre jahrelange Arbeit in Italien im Umgang mit den Werken Wagners beeinflusst?

Meine verstärkte Beschäftigung mit Gesang in Italien hat meine Sichtweise Wagner’scher Musik sicher beeinflusst. Wagner selbst hat ja bekanntlich von italienischer Gesangstechnik und -phrasierung sehr viel gehalten (Von den Komponisten allerdings deutlich weniger). Das Legato ist sehr wichtig, und es ist eine deutsche Unart zu glauben, dass man nur dann zu verstehen ist, wenn man Explosivkonsonanten „spuckt“. Diese sind ja meist das Einzige, was man sowieso, auch bei lautem Orchester, hört. Andere Konsonanten die eigentlich klingen müssten, sind dagegen völlig unterentwickelt, von der richtigen Färbung der Vokale ganz zu schweigen. Wagner klingt leider heute oft viel zu laut, die Größe des Orchesters verleitet dazu und natürlich hängt auch viel vom Bühnenbild oder der Position der Sänger ab. Wichtig sind differenzierte Phrasierung und kein ständiges mezzo forte.

Welche Rolle spielt die zeitgenössische Musik in Ihrer Karriere?

Ich habe früher relativ viel gemacht, auch einige Ur- und Erstaufführungen, z.B. „La“ von Enzo Rota 1994 in Biel, „Adagio for Strings“ von Elisabetta Brusa oder Super flumina von Gori in Bozen mit der Haydn Philharmonie im April letzten Jahres. Ich mache es gern, aber im Vergleich zum klassischen Repertoire kommen nicht viele Angebote.

Sie haben dieses Jahr die Saison in Göteborg mit Strawinskys Sacre du printemps eröffnet. Welche Herausforderungen stellt ein Ballett an einen Dirigenten?

Ich dirigiere Ballett mittlerweile eigentlich ganz selten, aber zwölf Mal Sacre zu dirigieren hat mich natürlich sehr gereizt. Ich bin Gastdirigent in Göteborg und führe ein reines Strawinsky-Programm auf (sein Violinkonzert steht am Beginn des Abends). Das Ballett nimmt unter den Dirigenten des öfteren einen ähnlichen Status ein wie die Operette, es wird nicht wirklich ernst genommen, an den Hochschulen kaum gelehrt, dabei ist es außerordentlich schwierig. Ich habe einen Meisterkurs mit Wettbewerb für Ballettdirigieren am Covent Garden London gemacht, war unter den Preisträgern und konnte in den darauf folgenden Vorstellungen mit dem „Royal Ballet“ wertvolle Erfahrungen sammeln. Man muss lernen, seinen musikalischen Instinkt gelegentlich dem Tempo der Tänzer unterzuordnen, gut folgen können und flexibel sein

Sie debütieren demnächst an der Bastille in Paris. Auf welche Produktionen freuen Sie sich besonders?

Das Debüt mit Don Giovanni an der Bastille freut mich sehr. Insgesamt mache ich 23 Vorstellungen, auch Romeo et Juliette von Berlioz. Gérard Mortier hat meine Proben für Tristan und Isolde gesehen und hat mir gleich etwas angeboten, das war eine wirklich schöne Bestätigung meiner Arbeit. Ich freue mich auf den Rossini am Teatro San Carlo, auf mein Debut in Minnesota mit Lakmé, und dann habe ich noch Projekte am Mariinsky Theater, auch wieder Parsifal. Ich freue mich auf alles!

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